Lernen, wachsen und Brücken bauen
Warum sollte man ein FSJ machen? Bringt es einen persönlich weiter? Diese und weitere Fragen stellen sich vermutlich viele, die sich mit dem Thema Freiwilliges Soziales Jahr befassen.
Zehn Jahre nach dem Abschluss ihres Freiwilligen Sozialen Jahres blickt Selina Schramm, eine ehemalige FSJlerin, auf diese prägende Zeit zurück und beantwortet genau diese Fragen.
Völklingen im Saarland ist eine Stadt mit hoher kultureller Vielfalt. Vorurteile gegenüber Migrantengruppen, soziale Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten können das Zusammenleben erschweren und dazu führen, dass Menschen bestimmte Stadtteile meiden. Gerade diese Vielfalt machte mein FSJ im Jugendzentrum zu einer einzigartigen Erfahrung.
Während meines Freiwilligen Sozialen Jahres hatte ich die Möglichkeit, die Herausforderungen aus erster Hand zu erleben. Täglich kam ich mit über 100 Jugendlichen aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen in Kontakt und wurde von einem engagierten Team unterstützt, das mir half, ihre Lebensrealitäten zu verstehen.
Am Anfang war ich etwas ängstlich, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Schnell stellte sich heraus, dass das Jugendzentrum weit mehr ist als ein Ort für Freizeitaktivitäten. Hier wird Zusammenhalt gelebt, der sich fast wie eine zweite Familie anfühlt – ein Ort, an dem jeder willkommen ist, solange einfache Regeln befolgt werden. Ich lernte, Vorurteile abzubauen, offen auf neue Menschen und Lebensentwürfe zuzugehen und die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen wahrzunehmen.
Im Alltag des Jugendzentrums war ich in verschiedenste Aufgaben eingebunden: Organisation von Freizeitangeboten, Gruppenarbeit, Konfliktlösung, Beratungsgespräche, Veranstaltungsvorbereitung und enge Zusammenarbeit mit Kolleg*innen. Dabei habe ich Fähigkeiten entwickelt, die in jedem sozialen Berufsfeld zentral sind: Empathie, Geduld, Kommunikationsfähigkeit, Teamarbeit, Konfliktmanagement und Reflexion des eigenen Handelns.
Die Arbeit mit über 100 Jugendlichen täglich zeigte mir, wie unterschiedlich Lebenssituationen sein können – von familiären Herausforderungen über kulturelle Unterschiede bis hin zu persönlichen Krisen. Ich habe erlebt, wie wirksam soziale Arbeit ist, wenn junge Menschen ernst genommen, ihnen zugehört und Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden. Besonders prägend waren die erfahrenen Sozialarbeiter*innen wie Diana Wachs und Daniel Albert. Sie haben gezeigt, wie professionelle Beziehungsarbeit geleistet wird und wie ein Jugendzentrum als Gemeinschaft wirken kann, die nicht nur unterstützt, sondern auch inspiriert.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, warum ich mich für ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden habe: Ich wollte verstehen, wie professionelle Unterstützung wirkt, wie präventive Arbeit gestaltet wird und wie Jugendliche in schwierigen Situationen begleitet werden können. Mein FSJ vermittelte mir nicht nur praktische Fähigkeiten, sondern auch Motivation, Verantwortung und ein tiefes Verständnis für die Bedeutung von sozialem Engagement.
Rückblickend hat das FSJ meine Sicht auf Menschen, gesellschaftliche Herausforderungen und den Wert von Gemeinschaft grundlegend geprägt. Ich bin dankbar für jede Begegnung und jeden Moment, den ich dort erleben durfte – eine Zeit, die ich niemals vergessen werde.
Danke an alle, denen ich zwischen 2015 und 2016 im Jugendzentrum Völklingen begegnen durfte!

