"Ich weigere mich, mich Ganz zu machen"

ein Gedicht über Selbstannahme von Lahya Aukongo

Lahya Aukongo ist Autor*in, Poet*in, Schreibpädagog*in und Künstler*in. Im Gedicht "Ich weigere mich, mich Ganz zu machen" spricht Lahya über Themen des Schwarzseins, der Beeinträchtigung und der Selbstannahme in einer Gesellschaft, die oft nach Anpassung verlangt. Mit dem Einverständes von Lahya dürfen wir dieses Gedicht hier teilen. 

Ich wurde nicht beschädigt geboren
Die Risse auf meiner Haut 
sind kein Zeichen von Schwäche
sind Karten meiner Wege

Ich lebe an vielen Intersektionen
Doch ich bin kein Puzzle 
keine Metapher für Mut
keine Aufgabe zum Lösen
keine Lektion zum Lernen

Ihr nennt es Überleben
Ich nenne es im Alltag leben

Denn jedes bewusste Entfernen 
von der Norm 
eine Entscheidung für mich
Jeder Blick, jedes Gaffen - eine
Antwort auf euer Unbehagen in 
eurer kleinen Welt 

Oberflächliche Ganzheit bedeutet 
Anpassung 
  heißt vergessen, wer ich bin
  heißt still werden, wo ich laut
  sein darf
  heißt passen, weil ich nie gemeint war

Mein Körper erinnert 
Er ist eine Erinnerung an: 
Jede Tür, die sich schloss und
und öffnete
Jedes Wort, das mich schnitt
Jedes Lächeln, das ich einforderte

Ich brauche eure Heilungswün-
sche nicht
Ich brauche keine Korrektur
kein Pflaster auf Identität
kein Licht, das blendet
um mein Schwarz zu erhellen
um mein Behindert zu erhellen
um meine Neurodivergenz zu 
erhellen

Dieses Schwarz trägt mich,
schützt mich
diese Haut unter der Haut
diese Haut auf der Haut
Diese Behinderungen tragen
mich
dieses Gehen
diese Krämpfe
dieses Anders können
dieses mehr, noch mehr
Diese Neurodivergenz trägt mich
lässt mich Erfahrungen machen
die andere nie verstehen, nie
fühlen können

Das ist kein Mangel
das ist Sein
das bin ich

Und ich weigere mich,
mich Ganz zu machen
Ich verweigere mich!

Denn was ihr Ganz nennt
meint oft glatt
meint oft leise
meint oft weiß

Ich bin keine eurer Geschichten,
die mit eurer Heilung enden müssen,
um erzählt zu werden

Ich atme nicht für euren Trost 
Ich schreibe nicht für euer Ver-
stehen
Ich bin der Satz, der sich nicht 
erklären lässt

Meine Wunden sind kein Ein-
stieg für inspirierende Gesprä-
che
Mein Zorn keine Phase
Mein Sein kein Rätsel

Ich bin nicht halb 
nicht gebrochen 
nicht wartend auf Erlösung

Ich bin Ganz 
in meinen Rissen
in meinen Flammen
in meinem Schweigen
in meinem Schrei
in meiner Liebe