Gewaltfreie Erziehung

Tag zur Stärkung der Kinderrechte

Seit dem Jahr 2000 haben Kinder in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Gesetzlich wurde festgelegt, dass Kinder weder körperlich noch seelisch misshandelt werden dürfen. Damit war Deutschland jedoch relativ spät, denn in Schweden gibt es ein vergleichbares Gesetz bereits seit 1979.

Im BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) ist dieses Recht in § 1631 verankert. Dort heißt es in Absatz 2:
„Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen.“

Obwohl es diese Regelung inzwischen seit über 25 Jahren gibt, sind Gewalt und Demütigung noch immer Bestandteile vieler Erziehungsmethoden - auch in Deutschland. So stellte das Universitätsklinikum Ulm in einer Studie aus dem Jahr 2025 fest, dass immer noch etwa ein Drittel der Befragten (30,9 %) einen Klaps auf den Hintern für eine angemessene Bestrafung hält.

Daran erkennt man, dass gewaltfreie Erziehung noch immer nicht selbstverständlich ist. Zwar zeigt die Studie eine positive Entwicklung und Gewalt in der Erziehung ist rückläufig, dennoch ist das Ausmaß weiterhin zu hoch. Deshalb ist es wichtig, Kinder und Jugendliche über ihre Rechte aufzuklären und ihnen Unterstützung anzubieten.

Das Wissen über deine Rechte allein reicht jedoch nicht aus. Zunächst muss bei dir das Bewusstsein entstehen, dass dein Körper dir gehört und niemand dir dieses Recht nehmen darf. Die Selbstbestimmung über deinen Körper ist nicht verhandelbar – gerade auch im Zusammenhang mit Gewalt.

Ebenso wichtig ist es zu wissen: Du trägst niemals Schuld, wenn Dir Gewalt widerfährt. Dein Verhalten rechtfertigt niemals Gewalt und niemand darf dir Gewalt antun - egal aus welchem Grund.

Warum solltest du Gewalt in der Erziehung also nicht auf die leichte Schulter nehmen? Neben möglichen körperlichen Verletzungen besteht die Gefahr langfristiger Folgen.

Zum einen kann Gewalt – neben anderen psychischen und sozialen Folgen – deine sozial-emotionale Entwicklung beeinträchtigen. Laut der World Health Organization, (WHO, Weltgesundheitsorganisation) betrifft dies häufig insbesondere die Emotionsregulation und die Fähigkeit Konflikte zu lösen.

Darüber hinaus kann anhaltender Stress deine biologischen Systeme überlasten. Dies kann indirekt zu körperlichen Schäden führen, selbst wenn diese zunächst nicht bemerkbar sind. Mögliche Folgen sind unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Migräne oder weitere gesundheitliche Probleme.

Nimm daher Gewalt gegen dich deshalb niemals auf die leichte Schulter.

Wenn du akut von Gewalt betroffen bist, kannst du jederzeit die Polizei unter 110 anrufen – nicht nur im Zusammenhang mit Erziehung, sondern in allen Fällen von Gewalt.

Wenn du dich das nicht traust oder unsicher bist, ob das der richtige Schritt ist, kannst du dich zunächst beraten lassen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Du kannst zum Beispiel ein Jugendzentrum in deinem Sozialraum aufsuchen und dort um Hilfe bitten.

Du kannst auch eine Beratungsstelle aufsuchen und dich dort unterstützen lassen. In Saarbrücken gibt es da verschiedene Angebote, zum Beispiel:

SOS Kinderdorf
Beratungszentrum Kinderschutz
Brauerstraße 25
66111 Saarbrücken
0681 93 65 275

Sozialdienst katholischer Frauen Saarland e.V.
Kinder- und Jugendberatungsstelle
Richard-Wagner-Straße 23
66111 Saarbrücken
0174 5 99 33 68
0681 936 259 10

Nele
Fachberatungsstelle für sexuell Missbrauchte Mädchen und junge Frauen

Bahnhofstraße 43
66111 Saarbrücken
0681 320 43

Phoenix
Beratungsstelle gegen sexuelle Ausbeutung von Jungen

Schubertstraße 6
66111 Saarbrücken
0681 76 19 685

Außerdem kannst du eine Beratungsstelle nutzen, telefonisch oder online. Ein Beispiel ist die Nummer gegen Kummer unter 116 111. Dort kannst du dich anonym und kostenlos beraten lassen. Alternativ gibt es auch Online-Beratungen per E-Mail oder Chat unter www.nummergegenkummer.de.

Für Jugendliche gibt es außerdem die Website www.youth-life-line.de. Dort kannst du direkt mit Menschen chatten, die in deinem Alter sind, und weitere Beratungsangebote finden.

Natürlich kannst du dich auch jederzeit an das Jugendamt wenden und dort Unterstützung erhalten. Telefonisch erreichst Du das Jugendamt unter: 0681 506-5610.

Gewaltfreie Erziehung

 

„Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet“ oder die Aussagen: „Wir haben damals auch den Arsch versohlt bekommen und aus uns ist allen was geworden“, hat vermutlich schon fast jeder mal gehört. Doch wie sieht die Realität aus? Wo beginnt Gewalt in der Erziehung?

Nimmt man die Definition der Unicef als Grundlage beginnt Gewalt dort wo Grundbedürfnisse von Kindern nicht berücksichtigt werden und Kinder auch nicht als eigenständige Persönlichkeiten respektiert werden.

Allgemein unterscheidet man in vier Formen der Gewalt in der Erziehung. Zum einen die Körperliche Misshandlung, vermutlich die Form an die die meisten Menschen direkt denken, wenn von Gewalt gesprochen wird. Hierbei gibt es viele Varianten. Vom Schütteln des Babys, weil es zu viel schreit, über die klassische Ohrfeige, bis hin zu Misshandlungen mit Zigaretten oder das zuschlagen mit Gegenständen.

Vermutlich denkt man auch noch an sexualisierte Misshandlungen. Hierbei gilt es zu beachten, jede sexuelle Handlung dazu zählt - unabhängig ob es zu Körperkontakt kommt oder nicht.

Dann zählen auch Vernachlässigungen dazu. Das ist die Form der Gewalt, die sich in den Fallzahlen des Jugendamtes am meisten widerspiegelt. Sie machen ca. 59% aller Fälle aus. Hierbei ist es unerheblich, ob die Vernachlässigung bewusst oder unbewusst geschieht. 

Zu guter Letzt zählen auch psychische Misshandlungen dazu. Eine unterschätze Form der Gewalt gegen Kinder, die häufig unbedacht angewandt wird. Sie macht etwa 36% aller Fälle beim Jugendamt aus und die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Zur psychischen Gewalt zählen Drohungen, Ablehnungen, Liebesentzug oder auch das Angstmachen.

Die Folgen von solchen Misshandlungen können schwerwiegend sein. Neben den psychischen Folgen, die entstehen können und unter umständen ein Leben lang Einfluss haben , kann dies auch die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen.

Durch Misshandlungen wird das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Dies kann dazu führen, dass die Entwicklung des Gehirns gestört wird. Eine Folge davon ist, dass die Fähigkeit zu lernen beeinträchtigt wird und auch die Leistung des Gedächtnisses leidet.

Darüber hinaus konnte man feststellen, dass sich bei ca. 24% der betroffenen Kinder die Entwicklung nicht altersgerecht gestaltet.

Somit kann man festhalten, dass eine gewaltfreie Erziehung unbedingt notwendig und nicht diskutabel ist.

Wie kann gewaltfreie Erziehung denn nun aussehen? Es gibt 10 Punkte die man beachten sollte.

 

Die Basis für eine gewaltfreie Erziehung ist eine gesunde Beziehung zu seinem Kind. Daher ist der erste Tipp:

 

Beziehung vor Erziehung

Hier ist es wichtig, dass man sich für die Belange seines Kindes interessiert und sie ernst nimmt. Aufmerksamkeit und Zeit sind hierfür zwei wichtige Faktoren.

In diesem Kontext sollte man darauf achten, auch komplizierte Themen auf Augenhöhe zu behandelt.  Dazu gehört auch der zweite Tipp:

 

Gefühle ernst nehmen

Den Kindern signalisieren, dass man sie wahrnimmt, respektiert und ihre Gefühle nicht entwertet - nach dem Motto: „Ist doch nicht so schlimm“. Das heißt aber nicht, dass man aufgrund von Gefühlen keine Grenzen setzen darf.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Gewaltfrei heißt nicht grenzenlos. Oftmals spielen die Art und Weise wie man etwas vermittelt eine große Rolle:

 

Klare, liebevolle Grenzen

Kommunikation ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Erziehung. Die richtige Strategie spielt eine große Rolle in der Kommunikation. Jedes Kind braucht eine andere Ansprache.

Daneben hat auch das eigene Verhalten eine große Bedeutung. Dies lässt ein Elternteil authentisch erscheinen - oder eben nicht. Gerade durch das vor leben lernen Kinder vieles. Deswegen Tipp Nummer vier:

 

Vorbild durch Verhalten

Eigene Verhaltensweisen reflektieren und selbst angemessen handeln, um durch das eigene Verhalten vorzuleben, wie es funktioniert.

Genauso wichtig ist es, dass man nicht immer wieder das Kind als Person in Frage stellt, indem man es bewertet. Kommen wir zu Tipp Nr. 5:

 

Verhalten statt Kind bewerten

Es ist wesentlich sinnvoller, das Verhalten zu bewerten und dies auch zurückzumelden, statt das Kind im Gesamten mit negativen Kommentaren zu entwerten. Um ein einfaches Beispiel zu nennen ist es besser zu sagen: „Dein Verhalten hat mich verletzt.“, statt zu sagen: „Du bist frech“.

Als sehr praktisch hat es sich auch erwiesen, wenn man die Hintergründe für ein Verhalten kennt. Die Hintergründe entschuldigen nie etwas, aber sie erklären warum jemand handelt wie er handelt.

 

Bedürfnisse hinter dem Verhalten sehen

Damit kann seine Handlungsstrategien ausrichten und angemessen sowie effektiv handeln. Ist zum Beispiel Müdigkeit die Ursache, bieten sich andere Möglichkeiten zu handeln, als wenn der Wunsch nach Aufmerksamkeit dahintersteckt.

Man darf auch seine Schwächen haben und sich diese in dieser „perfekten“ Welt, Eingestehen. Daher sollte man sich selbst auch immer wieder hinterfragen. Tipp Nummer 7:

 

Eigene Überforderung ernst nehmen

Gönnen Sie sich Pausen, geben Sie eigene Fehler zu und seien Sie damit ein Vorbild.

Für Kinder ist es auch wichtig zu verstehen, warum sie handeln wie sie es tun. Gerade wenn es darum geht, dass das Verhalten Ihres Kindes zu Konsequenzen geführt hat.  Der Tipp Nr. Acht:

 

Konsequenzen statt Strafen

Mit Einsicht öffnen Sie eher Türen, die zu einer dauerhaften Veränderung führen, anstatt mit Strafen zu sanktionieren. Die Konsequenzen müssen dafür aber auch im Zusammenhang mit dem Verhalten stehen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Sprache - die Art und Weise wie man kommuniziert. Sprache kann abwertend und trennend sein, sie kann aber auch ein Mittel sein, um Brücken zu bauen. Daher Tipp Nummer Neun:

 

Sprache, die verbindet

Gestehen Sie Ihrem Kind auch Autonomie zu. In dem Sie ihm Wahlmöglichkeiten bieten, kann das Kind entscheiden, welche Alternative es auswählt. Dies ist in der Regel effektiver als Befehle.

Und nun zu guter Letzt: Erwarten Sie weder von sich, noch von ihrem Kind Wunder. Es läuft nicht immer alles reibungslos und perfekt - auch in anderen Familien nicht. Auch in einer gewaltfreien Erziehung nicht. Daher Tipp Nummer 10:

 

Realistisch bleiben

Sie werden genervt sein, überfordert und auch mal Fehler machen. Sie werden mal Laut werden und Ihre Methode nicht funktionieren. Aber das ist alles normal. Wichtig ist, dass Sie sich und ihr Kind immer wieder Reflektieren und wieder an sich arbeiten.